2018 Snowmobilsafari auf dem Onegasee in Russisch Karelien



02.03.2018

Berlin ist unser Ziel, Maria und Malte gewähren uns Unterschlupf und wir sehen Anton, ich zumindest habe ihn seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen. Anton fremdelt überhaupt nicht und freut sich über Oma (gesprochen ´ma) und lernt das neue Wort `pa.

03.03.2018 St. Petersburg

Bus und S-Bahn bringen uns nach Schönefeld, die Kälte auf dem S-Bahnhof und in Schönefeld nehmen wir sportlich als Training. Der Flug nach St. Petersburg ist ruhig und wir kommen pünktlich an. Die Einreise ist problemlos, ohne lästige Fragen à la USA nach dem Woher, Wohin, Warum und wie viel Geld haben Sie.

Am Gate steht wie angekündigt ein junger Mann mit dem Schild Go Russia in der Hand. Galant nimmt er Irmi die leicht zu rollende Tasche ab und lässt mich die schwere Tasche über der Schulter schleppen. Mit Rachegedanken (keinen Rubel Trinkgeld, nicht einen) stapfe ich den Zweien hinterher zum Auto.

Am Bahnhof Ladoshky setzt er uns ab, er bekommt sein Trinkgeld, Irmi hat mich beruhigt. Nun haben wir einige Stunden Zeit und der Bahnhof, seit Jahren im Bau und wenig einladend, ist nicht der Ort, wo wir die Zeit verbringen wollen. Wir finden eine Gepäckaufbewahrung und man knöpft uns sage und schreibe 1350 Rubel für die Aufbewahrung ab, das sind fast €20!

Mit der Metro (man muss vorher Chips kaufen) wollen wir zum Newsky-Prospekt, doch der Zug hält nicht an der Station, fährt durch. Also steigen wir aus und fahren wieder zurück, das Gleiche.  Nur Polizei ist in der Station zu sehen. Also steigen wir an Sennaya Ploshad aus und gehen zu Fuß zum Newsky-Prospekt. Wir bummeln ein wenig und wundern uns, dass bei geschätzten -8° das Leben brummt, fast als sei Sommer. Nur die Straßenhändler sind weniger und haben kleine Stromgeneratoren laufen, um ihre Warmhaltegeräte zu betreiben. Gegen die Kälte helfen dicke Klamotten und noch dickere Filzstiefel.

Wir gehen bei Stolle zum Essen, gut und preiswert wie immer. Dann zurück mit der Metro (die Station Newsky-Prospekt ist wieder offen) zum Bahnhof Ladoshky, gut zwei Stunden, bis wir in den Zug dürfen. Es ist nur mäßig warm im Bahnhof, obwohl die Heizkörper glühend heiß sind. Draußen ist die Temperatur unter -10°C gefallen und überall zieht es herein durch die nur notdürftig mit Folien verschlossenen Löcher im Bau. Internet gibt es nicht und auch keine vernünftige Gastronomie. Irmi liest und ich verbringe die Zeit mit Herumlaufen und Beobachtungen. Im Bahnhof ist Alkoholverbot, was zum einen angenehm, zum anderen lästig ist. Ein Gläschen Rotwein wäre ein Stimmungsaufheller.

Endlich dürfen wir in den Zug, an jedem Wagon ist eine Türe offen und dort steht eine junge Dame mit einem Handy in der Hand, auf dem sie die Passagierliste hat. Der Reisepass ist die Fahrkarte und wie fast immer haben sie so ihre Probleme mit meinen drei Vornamen und dem komischen Nachnahmen, aber ich darf dann doch hinein. Dier Kabine ist reichlich eng und total überheizt. Ein Zugbegleiter kramt sein englisches Vokabular zusammen und klärt uns auf: Nicht Rauchen, kein Alkohol, kein Papier in die Toilette. Wir schwören. Im Speisewagen ist das Bier lauwarm trotz der Eiseskälte draußen, wir verzichten und gehen „trocken“ ins Bett.


04.03.2018 Petrosawodsk und Onegasee

Um 6:00 bekommen wir die bestellten Kaffees (Nescafe, schon lange nicht mehr getrunken), wach waren wir schon vorher und so richtig geschlafen haben wir auch nicht bei dem Geholpere und Geschaukle.

Vor der Türe erwartet uns wieder ein freundlicher Mann mit dem Schild, nimmt Irmi galant den Rollkoffer ab und lässt mich die schwere Tasche schleppen. Ich ertrage es stoisch, denn die Kälte dämpft, es ist richtig kalt in Petrosawodsk.

Nach ca. 500m erreichen wir ein Hotel im Weststandard, dort frühstücken wir und warten auf weitere Teilnehmer, die gegen 9:00 mit dem Nachtzug aus Moskau kommen. Nach dem Frühstück sitzen wir in der Lobby (mit Internet), daddeln und beobachten das Publikum. In der Lobby steht ein Geldautomat, daneben eine Schuhputzmachine.  Manche holen nur Geld, manche putzen sich nur die Schuhe, eine junge Frau hat trotz der Kälte nur Füßlinge in den Sneakers, darüber ist ein Streifen nacktes Fleisch zu sehen. Nun, vielleicht ist nach deren Empfinden schon Frühling, trotz -15°C.

Nachdem auch die Moskauer Gruppe ihr Frühstück bekommen hat, geht es im Kleinbus zum Startpunkt der Safari, nach Kederozowo.

In der Zwischenzeit hat sich der Dunst verzogen, es ist strahlender Sonnenschein, bei erträglichen Minustemperaturen. Wir bekommen dicke Overalls und Helme, auf Handschuhe und Stiefel verzichten wir und vertrauen auf unseren eignen Klamotten.

Dann gibt es eine kurze Einweisung in die Bedienung der Skidoos. Starten am Seilzugstarter, der Gashebel wird mit dem rechten Daumen bedient. Am linken Griff ist eine Bremse, ein Hebel wie beim Automatikgetriebe (was es ja auch ist) dient Vorwärts, Rückwärts, Parken.
Mit einem kleinen Schalterchen kann man die Griffheizung einschalten. Dann noch ein paar Anweisungen (der Führer darf nicht überholt werden etc.) dann wir angelassen und es geht hinaus auf den Onegasee.  Das Ding erfordert mehr Kraft beim Lenken als erwartet. Und der Geradeauslauf treibt mir erst einmal die Schweißperlen auf die Stirn. Beim Überfahren einer Landzunge übersehe ich eine dicke Wurzel, fahre mit dem rechten Ski darauf und das Mobil kippt nach links. Wie berappeln uns, gemeinsam mit einem Guide stellen wir das Mobil wieder auf, lassen es an und weiter geht es. Irmi meint von hinten, soviel Abenteuer wäre gar nicht notwendig!

Gegen 16:30 erreichen wir das Gästehaus in Yersenevo und beziehen unsere Zimmer, alle sehr sauber und ein Bad nur für uns hat es auch. Die Banja sei angeheizt und um 19:00 gäbe es Abendessen, verkündet Petr, der englischsprachige Begleiter.

Das Badehaus mit der holzbeheizten Banja steht am Seeufer, ca. 300m weit weg vom Haus.
Im Bademantel, Handtuch über dem Kopf und die dicken Stiefel an den nackten Füßen stapfen wir durch den vor Kälte knirschen Schnee dahin.

Ein russischer, wie sich später herausstellt, Anwalt, der mit seinem neunjährigen Sohn die Tour schon zum 2. Mal mitmacht, erklärt uns den Unterschied zwischen Banja und Sauna. Sauna über 90°C und trocken, max. 30% Luftfeuchte, Banja max 80°C und mindestens 80% Luftfeuchte. Also schüttet er immer wieder kräftig Wasser auf die heißen Steine. Das Wasser rinnt an unseren Körpern herunter, ob Schweiß oder Kondenswasser ist mir nicht klar und auch wurscht. Und wir erkennen doch Unterschiede: Man ist nicht nackt, sondern zumindest immer in ein riesiges Bettlaken gehüllt. Darunter trägt man Badehose oder Badeanzug. Das tun wir nicht und die Russen schauen weg.
Das Eisloch im See ist leider zugefroren, schade, ich wollte unbedingt nach der Banja in den kalten Onegasee springen.

Zum Abendessen gibt es als Vorspeise einen Rote-Bete-Salat, dann reichlich Fisch aus dem See mit Kartoffeln und als Nachtisch Blinis mit Marmelade, alles einfach, aber lecker. Dazu trinken wir roten Beerensaft, selbstgemacht aus Beeren der Region, ein wenig säuerlich und dann Bier.

Nach dem Essen holt ein Teilnehmer eine kleine Flasche Wodka und nun lernen wir die anderen genauer kennen. Der besagte Anwalt samt Sohn, zwei Italiener, die in Moskau für ein italienisches Unternehmen arbeiten samt ihren russischen Freundinnen, ein weiteres, russisches Paar, richtige Yuppies, eine resolute Dame mittleren Alters und ein junger Mann unter dreißig, der ein ausgezeichnetes Englisch spricht. Englisch sprechen sie alle in der Gruppe in unterschiedlicher Qualität. Nach russischer Sitte muss immer einer einen Trinkspruch ausbringen, uns lassen sie Gott sei Dank aus. Nachdem die zweite, kleine Flasche Wodka leer ist, seilen wir uns in Richtung Bett ab, wir haben Nachholbedarf beim Schlaf.

Das Zimmer wird zentral beheizt, unterstützt von einem elektrischen Heizkörper. Den schalte ich aus und dann in der Nacht wieder ein.

04.03.2018 Kischi im Onegasee


Der Morgen ist kalt, klar, sonnig und windstill. Erstaunlich gut springen die Motoren an und es geht flott über das Eis in Richtung Kischi, den alten Kirchen im See und Weltkulturerbe. Alexander, unser Führer würde uns so gerne auf Deutsch die Führung machen, aber er muss sie auf Englisch halten, denn es sind noch jede Menge Chinesen mit Luftkissenfahrzeugen angekommen.

Jede Gelegenheit jedoch nutzt er aus, mit uns Deutsch zu reden. Er liebe die deutsche Sprache, sagt er. Ein netter Kerl, schade, dass so wenig Zeit ist. Es gibt eine Sommerkirche, sie wird gerade renoviert und ist geschlossen und eine Winterkirche. Die ist viel kleiner als die Sommerkirche, denn sie wird beheizt, wenn Messen sind und die werden immer abgehalten.

Ein alter, prächtiger Bauernhof steht neben der Kirche und natürliche ein Banja am See.

Nach zwei Stunden verabschieden wir uns. Ich frage Alexander nach dem Wetter, er meint, es seien im Moment so -17°C, aber viel zu wenig Schnee, es müsste das Doppelte liegen, also ein Meter mindestens.

Wir kurven durch die Schären, machen an einer alten Kirche einen Stopp, erst Besichtigung und dann Picknick mit viel geräuchertem Fisch in bester Qualität, Tee, aber weder Wodka noch Rum.

Auf einer großen, tief verschneiten Fläche meinen die Führer dann“ have fun“. Wir pflügen mit den Skidoos durch  den Tiefschnee, auch Irmi probiert es. Ich merke, wenn man im tiefen Schnee zu langsam fährt, fängt das Ding an zu schaukeln. Also Gas, Gas, Gas, dann gleitet man über den Schnee wie ein Gleitboot über das Wasser. Aber der Kurvenradius ist dann bald der eines ICE.

Am Nachmittag teilt sich die Truppe, die einen fahren zurück zum Basiscamp, um noch in der Nacht zurück nach Moskau zu fahren. Der Rest, Natascha, Dmitri samt Sohn und wir kurven weiter durch die Gegend zu verlassenen und verfallenen Dörfern, über schwierige Holzwege und freie Seeflächen. Auf einem diese schmalen Holzwege mit extrem tiefen Spurrillen, wahrscheinlich von den legendären Holz-Lkws, rutsche ich nach links in die Rille. Das war es erst einmal, der russische Guide hilft mir heraus. Er stellt sich auf die rechte Kufe, ich mich auf das rechte Trittbrett und dann Gas und schon ist alles wieder auf der Reihe. Mit noch mehr Konzentration fahre ich den Rest der schwierigen Strecke. Auf dem See dann  mit gut Gas zurück zum Gästehaus. Ich merke, man muss den Lenker gar nicht so fest halten, das Ding sucht sich schon seinen Weg und der ist breit, sehr, sehr breit.

Am Abend dann wieder Banja vor dem Essen, dann Essen, dann Schnaps. Dmitri hat auf einer kleinen Insel in einem Shop etwas gekauft, was er russischen Jägermeister nennt, Balsam Karelii. Schmeckt gut, aber nach zwei Glas ziehen wir uns zurück. Dmitri spielt Schach mit seinem Sohn. Er lässt ihn auch die meiste Zeit fahren. Ein erstaunlicher Vater.

05.03.2018 Zurück nach Kederozowo und dann mit dem Bus nach Petrosawodsk.

Wir starten relativ spät, 11:30 war geplant, aber Dmitri hat wohl Startprobleme, ja ja, der russische Jägermeister.

Nach Norden geht es über die Schären, Landzungen und im freien Gelände durch tiefen Schnee wieder zu Dörfern, zum Teil verfallen, zum Teil mit bewohnten Häusern.

Das Fahren geht mir immer besser von der Hand, auch an schwierigen Stellen habe ich keine Probleme mehr. Es macht jetzt richtig Spaß.

Das Picknick findet im Wald statt im Schatten, aber dafür wird ein Feuer gemacht, ganz pragmatisch mit Benzin aus dem großen Tank, der auf einem Schlitten hinter dem Skidoo des Guide hergezogen wird.

Nach dem Picknick sind es noch eine gute Stunde bis zum Basislager, wo wir Klammotten und Schlitten abgeben und uns vom russischen, etwas bärbeißigen Führer, der kein Wort Englisch spricht, verabschieden.

Eine Dame fährt den Mercedes-Kleinbus mit sicherer, ruhiger Hand über die schneebedeckte Straße zum Bahnhof in Petrosawodsk.

Dort angekommen bitte ich Petr, ihr zu sagen, sie sei eine exzellente Fahrerin. Sie hat das offensichtlich verstanden, wird eine wenig verlegen und bedankt sich. Petr meint ganz trocken: She ist not excellent, she is simply the best. Kein Widerspruch.

Im Hotel gibt es im Keller ein bairisches Lokal mit einer Hausbrauerei, alles von Paulaner. Das Bier ist gut, das Essen akzeptabel. Petr verabschiedet sich und wir warten erst bei einem Bier und dann in der Lobby, bis wir in den Nachtzug einsteigen können.

Dmitri bekommt noch die Adresse von unserem Reiseblog und meine Email-Adresse, er will nach Alaska und Kanada und möchte Anregungen aus dem Blog und ggf. von uns. Soll er haben.


06.03.2018 St. Petersburg

Um 06:30 fährt der Zug in St. Petersburg ein, auch diese Nacht war nicht der große Genuss! Unser Fahrer steht wieder am Wagon und holt uns ab. Ich trage natürlich wieder meine Tasche, habe mich ja daran gewöhnt. Im Hotel können wir unser Zimmer sofort beziehen.

Nach der Morgentoilette gehen wir frühstücken, danach über den Newskij-Prospekt zur Eremitage.

Es sind erstaunlich viele Besucher, die in die Eremitage wollen, aber kein Vergleich zum Sommer.

Wir genießen es, ohne Gedrängel und Geschubse durch die Eremitage zu wandern, aber nach gut drei Stunden sind wir platt vom vielen Schauen.

Nach einem Bummel über den Newskij-Prospekt, einem guten, wenn auch spätem Mittagessen, Draniki mit Pilzen (russische Kartoffelpuffer) kaufen wir uns eine Flasche Rotwein zum Genuss auf dem Zimmer. Relativ früh gehen wir schlafen, da um 7:00 unser Fahrer wieder vor der Türe steht.

07.03.2018 Zurück nach Hannover

Unser Fahrer nimmt mir tatsächlich die Tasche ab, trägt sie und rollt auch noch Irmis Tasche!

Der Rückflug ist problemlos, wobei wir erstaunt feststellen, die Maschine ist voll mit praktisch ausschließlich Russen, was man bei der Einreise anhand der Schlangen vor den entsprechenden Schaltern sehen kann.

Dann Rückreise mit Regionalbahn, ICE und Straßenbahn.

Am Abend Sauna, heiß, trocken und nackt!

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